So wollen Männer wohnen

11.02.2022

 

Interview mit Louisa Verch, Gründerin von Apartmen.

Männer lieben es, shoppen zu gehen. Stundenlang in Katalogen blättern oder in Möbelhäusern Sofas, Esszimmermöbel und Betten ausprobieren. Männer lieben Deko-Artikel, stehen auf Vasen, Gardinen und Kerzenständer, träumen von Bettwäsche und Strohblumen. Okay, nicht alle Männer. Genaugenommen nur ganz, ganz wenige. Allerdings: Schön haben wollen die es trotzdem. Aber was, wenn sie allein wohnen? Ein Gründerteam aus dem Karlsruher CyberLab sagt: „Jungs, entspannt euch! Wir übernehmen das.“

 

Ihr helft Männern, ihre Wohnung auszustatten. Richten Männer wirklich so ungerne ein?

 

Sagen wir mal so, die meisten Männer sind nicht gerade verrückt danach, den gesamten Einrichtungsprozess von der Wandfarbe bis zur Gardine zu durchlaufen. Rund 80 Prozent der Maßnahmen im Home & Living-Bereich, bzw. auch der gesamte Prozess beim Online-Shoppen für Möbel, sind ja auch auf die weibliche Käufergruppe ausgelegt. Wir haben uns gefragt, wie wir Männern unter die Arme greifen können. Da kam uns die Idee mit apartmen. apartmen ist ein Interior-Design-Service auf Basis von Künstlicher Intelligenz. Mit Machine-Learning entwickeln wir vollautomatisiert Raumkonzepte für Männer.

 

Was kriegt der Mann bei euch konkret?

 

Alles, was er sich für sein Apartment wünscht: Möbel, Vorhänge, Pflanzen, Bilder, Lampen, Dekoration, Kissen … Um ganz genau herauszufinden, welche Einrichtung zu ihm passt, haben wir gemeinsam mit Interior-Designer*innen und Psycholog*innen einen Stil-Test entwickelt. Das ist ein Fragenkatalog, auf dessen Basis unsere KI ein Einrichtungskonzept entwickelt, das bestmöglich zu ihm passt.

 

Welche Fragen sind das?

 

Zum einen werden die Raumgegebenheiten abgefragt, zum anderen die Persönlichkeit und der Lifestyle des Kunden. Interessant ist zum Beispiel, welche Magazine er liest, wie er sich kleidet, sich fortbewegt – mit dem Fahrrad oder Auto und wenn mit dem Auto, welche Marke bevorzugt er? Wohin fährt er in Urlaub, wie relaxt er, was macht er am Freitagabend? Das Einrichtungskonzept wird ihm mittels 3D-Rendering ausgespielt und er kann dann alle Produkte, die in diesem Konzept enthalten sind, direkt über unsere Plattform bestellen.

 

Und wenn ihm das Konzept dann nicht zusagt?

 

Für die einzelnen Produkte innerhalb eines Konzeptes bieten wir jeweils drei Alternativprodukte an. Ähnlich wie beim Klamottenkauf, nach dem Motto: „Diese Hose würde auch gut dazu passen.“ Geplant ist: Bevor der Kunde bestellt, kann er sich zukünftig das gesamte Konzept in Augmented Reality noch mal anschauen, das heißt, er lässt sich alle Produkte in seinem Raum anzeigen.

Das bisherige Feedback hat uns gezeigt, dass die KI den Geschmack ziemlich haarscharf trifft.

 

Das Thema Möbel und Interior-Design ist dir schon in die Wiege gelegt …

 

Ja, ich war als Kleinkind mit meinen Eltern, die in der Möbelbranche arbeiteten, schon auf Möbelmessen in Paris, Mailand und Köln unterwegs. Das hat mich stark geprägt. Nach meinem BWL-Studium mit Schwerpunkt Mode stellte ich fest, dass die Fashionbranche zwar cool ist, aber längst nicht so viel Entwicklungspotenzial bereithält. In der Modebranche hingegen ging es noch ziemlich tradiert zu. Hier konnte man was bewegen. Nach dem Studium habe ich dann drei Jahre in der Beratung für die Möbelindustrie gearbeitet und Startups, Möbelhersteller, Großkonzerne, Möbelhändler und Möbelmarken in Sachen Digitalisierung beraten.

 

Und woher hast du das Digitalisierungs-Know-how?

 

Vor allem von der Beratungstätigkeit. Damals habe ich sehr viel über Informationsmanagement gelernt und darüber, wie man Prozesse digitalisiert und automatisiert. Das sind Themen, die mich begeistern. Ebenso wie Diversität und Innovation. Ich lese viel darüber und auch die tägliche Beschäftigung mit digitalen Innovationen erweitert natürlich den digitalen Horizont.

 

Du setzt dich außerdem für Frauen in der Möbelbranchen ein.

 

Nach zwei Jahren in der Möbelberatung habe ich das Unternehmen Woman in Furniture gegründet. Das ist ein Netzwerk für Frauen in der Möbelbranche, die in irgendeiner Form etwas mit Home und Living zu tun haben, womit wir die Möbelindustrie intern diverser gestalten wollen. Wir kommen zusammen, veranstalten Dinner-Events und versuchen, uns innerhalb der Branche politisch einzusetzen, indem wir zum Beispiel mit Verbänden sprechen. Aktuell haben wir 350 Teilnehmerinnen.

 

Zurück zu Apartmen. Für ein Tech-Startup braucht es ja einen Tech-Profi im Team. Wie habt ihr euch gefunden?

 

Bevor wir ins Accelerator-Programm im CyberLab kamen, hatten wir die erste Finanzierungsrunde. Wir bekamen ziemlich schnell das Feedback, dass wir einen KI-Profi im Team brauchen. Das war ein Fehler, aus dem wir am meisten gelernt haben: Ohne das optimale Skillset geht es nicht.

Cuong und ich haben uns dann bei TeamUp kennengelernt, einer Veranstaltung aus dem CyberForum, die Gründer zusammenbringt. Das hat von Anfang an super geklappt, obwohl der Hauptsitz von apartmen Hamburg ist und Cuong in der Nähe von Stuttgart wohnt.

Deshalb gehen wir jetzt auch positiv gestimmt in die zweite Finanzierungsrunde im März.

 

Lass uns über den Preis sprechen …

 

Der Service ist bis jetzt noch kostenlos. Wir überlegen allerdings, ob wir künftig eine kleine Gebühr erheben. Was die Produkte betrifft, da kann der Kunde sein Budget selbst festlegen. Wir starten bei 1500 Euro pro Zimmer.

 

Das Ganze ist also wirklich „for men only“?

 

Das Ergebnis einer Marktforschungsumfrage, die wir vor der Gründung in Auftrag gegeben haben, besagte, dass 72 Prozent der Männer einen solchen Service gerne nutzen würde. Die Umfrage ergab außerdem, dass Männer den vorgelagerten Prozess beim Einrichten einer Wohnung – also Inspirationen einholen, Webseiten durchforsten, vergleichen, bestellen, aufbauen und dekorieren – als eher lästig empfinden. Diesen ganzen vorgelagerten Prozess umgehen wir wie gesagt durch unser kuratiertes Konzept. Natürlich können auch Frauen unseren Service nutzen. Denn es gibt ja auch Frauen, denen Einrichten generell nicht so viel Spaß macht. Das Feedback und die Erfahrung zeigen aber, dass ein rein automatisierter Prozess ohne persönlichen Kontakt bei Frauen im Allgemeinen nicht so gut ankommt.

 

Wie ist das bisherige Feedback auf Apartmen?

 

Wir sind gerade noch im Dialog mit den Kunden, um uns stetig zu verbessern. Denn nur mit der Arbeit nah am Kunden können wir ein nahezu perfektes Produkt bauen. Wir übernehmen die gesamte Kommunikation und das Terminmanagement. Was die Auslieferung anbelangt, arbeiten wir momentan noch mit Dropshipping. Das heißt, alle Händler und Hersteller, die an uns angebunden sind, schicken ihre Ware nach Bestellung direkt zum Kunden. Das klingt ja erst mal ganz gut. Aber mal angenommen, alle Händler verschicken die Ware an verschiedenen Tagen, muss der Kunde jedes Mal zu Hause bleiben, um die Ware anzunehmen. Das ist natürlich nicht Sinn der Sache und natürlich wollen wir nicht die Convinience, die wir am Anfang bieten, am Ende kaputt machen. Um hier eine Lösung zu finden, setzen wir langfristig auf eine bessere Logistiklösung.

 

Gab es einen Moment, wo ihr lieber hinschmeißen wolltet?

 

Die Finanzierungsrunde im letzten Jahr war so ein Moment. Ich dachte: „So eine coole Idee, ein echter Gamechanger in unserer Branche. Wie kann es sein, dass dafür kein Geld da ist? Da muss man ganz schön aufpassen, dass man den Glauben an die Idee nicht verliert. Aber das Gründer*innentum ist ja immer eine Roller Coaster-Fahrt. Deshalb muss es immer eine Person geben, die sagt: Ich glaube dran. Dann wird das auch.

Wir haben das Feedback, das wir letztes Mal bekommen haben, sehr gut aufgearbeitet und sehen da jetzt keine großen Hürden mehr, was das Monetäre betrifft.

 

Nach außen als Tech-Startup aufzutreten, habt ihr im CyberLab gelernt …

 

Am Anfang haben wir immer gehört: „Ihr seid ja so ein Möbel-Startup“. Wir waren aber von Anfang an ein Tech-Startup. Durch das CyberLab haben wir unser Profil geschärft und werden jetzt auch von außen als Tech-Startup wahrgenommen. Gerade wegen des Tech-Schwerpunkts war das CyberLab eines der besten Programme für uns. Wir waren immer auf Augenhöhe und haben uns sehr willkommen gefühlt. Und das, obwohl wir nicht aus Karlsruhe sind.

 

Habt ihr schon neue Ideen in der Pipeline?

 

Im Moment konzentrieren wir uns vorrangig auf die nächste Finanzierungsrunde. Danach heißt es für uns: wachsen und skalieren. Die USA sind mittelfristig ein spannender Markt für uns, die bereits schon Interesse an unserem Geschäftsmodell gezeigt haben. Langfristig können wir uns durchaus vorstellen, das Geschäftsmodell auf den B2B-Bereich auszuweiten und zum Beispiel Online-Shops aus dem Möbelbereich bei ihrer kuratierten Möbelauswahl zu unterstützen.

 

Hatten andere schon die gleiche Idee?

 

Meines Wissens sind wir die einzigen in diesem Bereich. Natürlich gibt es andere Interior-Design-Services. Allerdings agiert man dort immer mit realen Personen. Das ist zwar per se nicht schlecht, aber es ist eben nicht skalierbar. Eine Machine-Learning Anwendung wie Apartmen schon.

 

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